Die Schlange als Mythos: Grundbegriffe II

Im ersten Teil zum Thema Mythologie führte ich die Grundbegriffe aus (Die Schlange als Mythos: Grundbegriffe). In dieser abschliessenden Einleitung erkläre ich, wie ein Mythos überhaupt entstehen kann.

Vom realen zum mythischen Tier: Die Mythologisierung der Schlange

Als erster Schritt muss das unbekannte Wesen benannt werden und wird dann schrittweise in ein Symbol umgewandelt.

1. Einen Namen geben

In jeder Sprache sagt das Wort Schlange etwas über die Fähigkeiten des Tieres aus. Im Deutschen ist dies der Zischlaut „sch“, der mit dem (vermeintlichen) Zischen des Tieres oder dem schleifenden Geräusch seiner Fortbewegung assoziiert wird.

2. Umformung zum Symbol (Sinnbild)

Hier werden in der Theorie drei Symbolstufen unterscheidet: Die einfache, mittlere und komplexe Symbolstufe.

Einfache Symbolstufe:

Die mögliche Gegenwart des Tieres wird in Bilder, Amuletten und dergleichen festgehalten. An diesem Gegenstand werden die erwünschten Funktionen des Tieres gebunden. Konkretes Beispiel: Ein Schutztalisman. Der Träger glaubt, dass die der Schlange zugedachte Kraft auf ihn übergeht und er deshalb von negativen Einflüssen geschützt wird.

Mittlere Symbolstufe:

Schlangen werden zum Symbol einer bestimmten Weltbeziehung. Beispielweise werden Schlangen in Altägypten als die Söhne der Erde bezeichnet. Sie stehen hier also in einer klaren Beziehung zur Erde.

Komplexe Symbolstufe:

Die Schlange wird zu einem Daseins umfassenden Prinzip. Beispiele hierfür sind die weltumspannende Midgardschlange oder die sich in den Schwanz beissende Schlange (Uroboros). Ausschlaggebend für diese Deutung ist die Häutung der Schlange. Vor dem Abstossen des Natternhemds ist die Schlange stumpf mit trüben Augen. Nach der Häutung erstrahlt das Schuppenkleid des Tieres im schönsten Glanz. Narben verschwinden mit der Zeit und das Alter sieht man der Schlange auch nicht an. Daher glaubten viele Kulturen, dass die Schlange mit dem alten Schuppenkleid zugleich ihr Alter abstreift und sich in einem ewigen Kreislauf verjüngt und das göttliche Geheimnis der Unsterblichkeit behütet.

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Keltische Sandplatte (wahrscheinlich eine Grabplatte), Alter unbekannt: Dieses Beispiel zeigt alle drei Symbolstufen auf: Auf der einfachen Symbolstufe ist die Schlange hier die Beschützerin des Hauses oder des Grabes, auf der mittleren Symbolstufe stellt sie die Beziehung zur Erde dar und schliesslich auf der komplexen Symbolstufe steht sie für den Kreislauf von Leben und Tod, einem Daseins umfassenden Prinzip.

 

Schlange und ihre Lebensräume

Symbolhafte Eigenschaften erhalten Tiere durch unmittelbare Beobachtungen von Menschen. Entscheidend hierfür ist der Lebensraum des Tieres aus dem heraus ihm bestimmte Eigenschaften attestiert werden.
Im Lebensraum trifft die räumliche Begleitung auf ein unerklärliches Ereignis, das durch einen Mythos erklärt wird. Beispiel: Die Schlange ist in allen Kulturen als Fruchtbarkeitssymbol bekannt. Die Erde ist fruchtbar und da die Schlange in der Erde wohnt, wird ihr diese Eigenschaft auch zugeschrieben.

Schlangen als Tiere der Erde

Die Schlange ist also ein Symbolträger für die Erde und der damit verbundenen Unterwelt. Schlangen wohnen oft in Höhlen und an finsteren Orten. Sie haben auch hier eine ambivalente Bedeutung: so steht die Erde für Fruchtbarkeit und somit für das Leben, aber der innerste Kern der Erde ist der Ort der Auflösung bzw der Unterwelt oder Hölle. So kehrt das Leben nach dem Tod in die Erde zurück, damit es durch eine Wandlung von Neuen entstehen kann. Oftmals sind Schlangen auch Beschützer von Schätzen im Inneren von Höhlen.

Schlangen als Tiere des Wassers

Der Fluss hat die Gestalt einer Schlange, der vom Berg herunterfliesst und dessen Wasser vom Himmel stammt. Hier wird ein Kreislauf gebildet. Dies ist der Ursprung vieler Schlangentänze verschiedener süd- und nordamerikanischen Kulturen, die den Regen herbeirufen sollen. Aber auch in der griechischen Mythologie ist die Schlange mit dem Wasser verbunden. So bewachen sie die wichtigsten Wasserquellen im Lande, beispielsweise die Quelle von Delphi wurde von einem Python bewacht.

Schlangen als Tiere des Waldes

Schlangen bewachen und ranken sich um den Weltenbaum und beschützen damit das Daseinsumfassende Prinzip.

Schlangen in der Zivilisation

Schlangen als Mitbewohner im Haus oder im Stall stellen Schutzgeistern dar. Für die Ägypter waren sie Götter, die das wertvolle Getreide beschützen. Die Römer sahen in ihnen verstorbene Ahnen, die das Haus beschützen. Auch in der islamischen Welt kennt man diese Vorstellung.

 

Die Leistungen der Schlange

Neben den Lebensräumen sind die Leistungen, die der Schlange zugeschrieben werden, zentral für ihren Symbolcharakter.

Schlangen als Verkörperung der Macht

Schlangen werden auch böse, zerstörerische Eigenschaften nachgesagt. In Schlangen können Dämonen wohnen, sie können aber auch wertvolle Gegenstände bewachen, sie beherrschen die Kunst des Heilens in der Medizin und in der Alchemie und sie erzeugen Fruchtbarkeit. Die Schlange ist zugleich auch ein magisches Wesen. In der weissen Magie werden sie zur Förderung der Fruchtbarkeit verwendet, in der schwarzen Magie hingegen als Schadenstier, das den Tod bringt.

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Der Äskulabstab ist ursprünglich ein Attribut des griechischen Gottes der Heilkunst, Askelpios und symbolisiert die ärztlichen Tugenden und den medizinischen Fortschritt. Noch heute ziert dieses Zeichen die Apothekenschilder.

Schlangen als Lebensbringer

Schlangen häuten sich regelmässig und halten meistens eine Winterruhe ab. Deshalb sind sie prädestiniert als ein Symbol für die Unsterblichkeit, der ewigen Regeneration und des ewigen Kreislaufes aller Dinge. Sie verbinden demnach die Macht des Todes mit der Macht des Lebens bzw der Wiedergeburt und durch sie sind der Tod und das Leben eine Einheit. Die Schlange, als eine Leben schaffende Kraft, bildet auch den Hintergrund, weshalb sie mancherorts als Totem-Tier verehrt wird.

Die Klugheit der Schlange

Schlangen können Wissen vermitteln, weil das Wissen und die Geheimnisse von Leben und Tod in den Vorstellungen antiker Kulturen aus der Erde stammt. Da die Schlange in der Erde wohnt, kann sie in immer tiefer liegende Orte abtauchen und aus ihnen wieder heraufsteigen. Damit steht die Schlange im engsten Kontakt mit dem Totenreich und den Kräften der Unterwelt. Deshalb ist sie häufig eine Botin zwischen den Welten und die Verkünderin von Geheimnissen. Zudem verfügt die Schlange, dank ihrem engen Kontakt zu Erdenmutter, über die Gabe des Wahrsagens.
Klugheit bedeutet auch die Fähigkeit, wie man Reichtum erlangen kann. Hier sind wir wieder bei dem Motiv der Schlange als Beschützerin eines Schatzes.

Dies waren nur die gängigsten Motive des Mythos Schlange, die in allen Kulturen vertreten sind.
Unter der Rubrik Kulturgeschichte -> Die Schlange in antiken Kulturen oder unter -> Die Schlange in den Religionen werden einzelne Schlangenmythen weiter ausgeführt werden.

Die Schlange als Mythos: Grundbegriffe I

In diesem Artikel werde ich die kulturgeschichtlichen Grundbegriffe des Mythos und der Mythologisierung erklären. In einem zweiten Teil zeige ich auf, wie aus einem realen Tier ein mythischen Wesen enstehen kann. Dieses Wissen bildet die Grundlage für das Verstehen der Bedeutung und Funktion der Schlange in den unterschiedlichen Kulturen und Religionen.

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Ihr lautlosen Schlängeln, ihr starrer Blick, ihre Häutung, kurz: ihre Andersartigkeit inspirierten die Geschichtenerzähler aller Kulturen in der Vergangenheit und prägen das Schlangenbild bis heute.

Die Schlange ist in jeder Kultur und in jeder Religion ein mythisches Wesen. Ihr werden bestimmte Eigenschaften zugeteilt, die zu einer negativen oder positiven Wahrnehmung des Tieres führen. Was ist aber ein Mythos und was ist an einer Schlange mythisch?

Definition Mythos

Ein Mythos ist in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Erzählung, mit der Menschen und Kulturen ihr Welt- und Selbstverständnis zum Ausdruck bringen. Der Mythos kennt keinen Unterschied zwischen verschiedenen Realitätsstufen, zieht keine Grenzen zwischen wünschenswerter und wirklicher Wahrnehmung und kennt keine Trennung von Tod und Leben. Er betrachtet Gleichzeitigkeit oder räumliche Begleitung als Ursache von Ereignissen. Alle und alles in einem Mythos hat einen Charakter. Hier liegt auch die primäre Funktion des Mythos: Das Unvertraute vertraut machen, das Unerklärliche zu erklären und das Unbenennbare zu benennen. Die Schlange war bzw ist für viele Menschen ein unbekanntes Wesen. Unbekanntes verursacht bei Menschen Angst. Sobald aber das Unbekannte bekannt wird, verschwindet auch die Angst.
Daher versucht der Mythos stets eine Begebenheit zu erklären, um ihr damit einen Sinn zu geben. Er stellt quasi eine praktische Anleitung dar, wie die Sicht auf die Welt erlangt werden kann. Die zentralen Themen des Mythos sind dabei die Erschaffung der Welt und das Leben nach dem Tod.
Der Mythos ist also eine Erkenntnisform. Mythen sind in allen früheren Kulturen eine gemeinsame Form der Weltdeutung- und Verstehens. Mythen erklären den Ursprung, die Beschaffenheit, die Ordnung und das Ende der Welt.

Aus philosophischer Sicht, die der kulturgeschichtlichen Deutung zugrunde liegt, ist der Mythos der Anfang des westlichen Denkens, der sich zum Logos (Vernunft) weiterentwickelt. Konkret ist hier die Entfaltung der griechischen Phiosophie gemeint, welche die griechische Mythologie und ihre Welterklärungsansätze durch ein mathemtisch-naturwissenschaftliches Bild ablöst.

Nach dem Philosophen Ernst Cassirer (1874-1945) ist der Mythos das Ursprungsphänomen aller menschlichen Kultur. In ihm wird das erste Mal durch Formgebung und Verfestigung das Flüchtige des Erlebens festgehalten. Die Welt wird als grosses Drama entgegenstreitenden Mächten wahrgenommen.

Nach Ansicht des deutschen Philophen Hans Blumenberg (1920-1996) besteht die Funktion des Mythos darin, das Nichtmenschliche zu vermenschlichen (Bsp. Naturgottheiten) damit eine Bindung zum „Grossen Ganzen“ und somit auch ein Sinn des lebens entstehen kann. Dies gescheht dadurch, dass das Unvertraute durch einen Namen identifiziert werden kann und durch das Erzählen von Geschichten erklärt wird, was es mit ihm auf sich hat.

Mythologisierung oder wie ein Mythos entsteht

Mythen fallen nicht vom Himmel. Sie werden von Menschen für Menschen erzählt. Deshalb überträgt ein Mythos Beobachtungen, Annahmen, Ängste und Hoffnungen von Menschen auf ein mythisches System. Dies geschah auch mit der Schlange. Was die Menschen von ihr wussten bzw erahnten und befürchteten und was als Eigenheiten wahrgenommen wurden, wie beispielsweise das Häuten, verdichteten sich zum mythischen Wesen Schlange. Viele biologische Eigenschaften des Tieres wurden als Manifestationen des Göttlichen gesehen. Beispiel hierfür ist das sichtbare Fehlen von primären oder sekundären Geschlechtsmerkmalen. Daher galten Schlangen als zweigeschlechtlich und repräsentierten die aus sich selbst heraus geschaffenen Götter.

Im anschliessenden Einführungsteil in die Welt der Mythen zeige diesen Vorgang der Mythologisierung konkret auf.

Literatur:
Blumenberg, Hans (1979): Arbeit am Mythos. frankfurt an Main: Suhrkamp.
Cassirer, Ernst (2010): Philosophie der symbolischen Formen. Zweiter Teil: Das mythische Denken. Hamburg: Meiner.

Mythos Seeschlange Teil 3: Auf der Suche nach Beweisen

Im letzten Teil zum Thema „Mythos Seeschlange“ erläutere ich die mehr oder weniger wissenschaftliche Suche nach Beweisen für die Existenz der Seeschlangen sowie die Erklärungsmodelle der heutigen Forschung für dieses Phänomen.

Beweise fälschen

Manch einer dachte sich, wenn schon keine Beweise existieren, warum nicht welche erfinden? So präsentierte der Fossilienforscher Dr. Alfred Carl Koch 1845 im Apollo-Salon auf dem Broadway das vollständige Skelett der 35 Meter langen Seeschlange Hydrarchos harlani (Wasserherrscher). Das Skelett bestand aus Fossilienknochen von mindestens fünf Urwalen und diversen Säugetierknochen. Der Schwindel flog aber auf. Nichtsdestotrotz stellte Koch das Modell noch in Dresden, Leipzig und Berlin aus. Doch auch hier flog der Betrug auf. 1847 legten schliesslich vier Forscher eine Studie vor, die eindeutig belegte, dass der Wasserherrscher eine reine Erfindung ist.

Dr. Alfred Carl Koch

Eines der Werbeplakate für die Austellung des Wasserherrschers: gigantische 114 Fuss gross, 400’000 Pfund schwer, gleichgesetzt mit dem biblischen Ungeheuer „Leviathan“

 

Legenden und Kadaverfunde als Beweise

Am 6. Juli 1734 schrieb der dänische Missionar Hans Egede in einem Brief, wie er und sein Mitreisender Erik Pontoppidan auf ihrem Schiff kurz vor der Küste Grönland einem riesigen Seeungeheuer begegneten, das seinen Kopf soweit aus dem Wasser hochragen konnte, so dass es grösser als der Grossmast wurde. Der Kopf der Seeschlange war verhältnismässig klein zum faltigen Körper, der mindestens zwei grosse Flossen umfassten. Das Monster war nach Aussage der gesamten Schiffsbesatzung grösser als ihr Schiff.

Hans Egede

Die Seeschlange vor Grönland nach Hans Egede 1734

Die Sichtung von Seemonster während einer Missionierungsreise auf hoher See war in dieser Zeit ein bekanntes Motiv. Bereits im 6. Jahrhundert begegnete der irische Mönch auf seiner Seefahrt verschiedenen Seemonstern, u.a. strandete er und seine Crew auch auf einem. Nun ja, sie dachten sie befinden sich auf einer Insel. Die Seefahrt wurde ihm übrigens von Gott höchstpersönlich aufgetragen, da Brendan im missionarischen Eifer Bücher über Seemonster als Unfug betitelte und verbrannte. Als Strafe dafür musste der Priester 9 Jahre über das Meer fahren und die Wunder finden, welche er als Quatsch abtat. Seeungeheuer galten in der Spätantike, mit dem Beginn des frühen Christentum, als ein Zeichen der allmächtigen, göttlichen Schöpfungsmacht. Im 12. Jahrhundert erschien erstmals Brendans Reisebericht „Navigatio Sancti Brendani“, der zur einer der populärsten Schriften im Mittelalter zählt. Manche Historiker lesen aus seiner Schrift sogar heraus, dass er der erste Mensch auf dem amerikanischen Kontinent war.
Nun aber zu Hans Egede und seinem Monster zurück.
1808 fanden die Fischer John Peace und George Sherar auf der Insel Stornsay (Schottland) den Kadaver einer Seeschlange, der 17 Meter lang war, drei Beinpaare hatte und eine zottelige Mähne hatte. Der Hals des Tieres war etwa drei Meter lang. Das Skelett bestand nur aus Knorpel. Dr. John Barclay von der Wernerian Natural History Society identifizierte den Kadaver als die legendäre Seeschlange von Egede und Pontoppidan und deklarierte sie als neue Tierart mit dem Namen: halsydrus pontoppidani (Pontoppidans Wasserschlange). Immerhin benannte er die Tierart nicht nach sich selbst. Gewebeproben des Kadavers werden im Royal Museum in Edinburgh heute noch aufbewahrt, jedoch sind die DNA Sequenzen durch die Konservierungsflüssigkeit zerstört worden. Eine andere Probe wurde in London während der Luftangriffe im zweiten Weltkrieg zerstört.

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Zeichnung des Monsters von Stornsay nach dem Augenzeugenberichten von 1808. Ginge es nach der Wernerian Natural History Society, ist dieser Plesiosaurier mit Egedes Seeschlange identisch.

Im gleichen Jahr präsentiere der Vorsitzende dieser Society, Patrick Neill, den Fund der Pontoppidan Wasserschlange der Öffentlichkeit. Als Beweise führte er den „authentischen“ Augenzeugenbericht der beiden Priester auf (Priester lügen ja schliesslich nicht) und den Fund des unerkennbaren Kadavers.
Bereits zur Zeit des Fundes gab es Skeptiker. Edvard Home ging von der Annahme aus, dass es sich bei dem Monster of Stornsay um einen Kadaver eines Riesenhai handelt.
Von offizieller Seite wurde die neue Tierart übrigens nicht bestätigt.

Der Fund des Kadavers löste weltweit einen Hype nach der Suche von mythischen Tieren aus. Der Grund dafür war, dass sowohl die zwei Finder, als auch die Forscher dank der weltweiten Berichterstattung Ruhm und Geld verdienten. Anderer Fischer und Forscher wollten auch auf diesen Zug aufspringen.

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Auf der Suche nach  Ruhm und Geld bastelten einige Zoologiebegeisterte ihre Seeschlange in akribischer Detailarbeit selber zusammen. Absolut realitätsnah versteht sich.

 

Augenzeugenberichte als Beweise

Der Belgier Bernard Heuvelmans (1916-2001), der Begründer der modernen wissenschaftlichen Kryptozoologie, wollte die Sichtungen nicht als reine Fantasie abtun. 1968 analysierte er 587 Augenzeugenberichte von Seeschlangen in seinem Werk über diese. 56 Berichte erwiesen sich als Betrug, 121 hatten zu wenige Angaben und 52 Beobachtungen konnte er auf bekannte Tiere zurückführen. Zuletzt blieben 358 „echte“ Sichtungen übrig. Diese ordnete er verschiedenen Tiergruppen zu und bestimmte die Art. Seeschlangen unterteilen sich demnach in: Langhalsige Tiere mit Seelöwen Körper, das Meerpferd, der Vielhöcker, der Vielflosser, riesige Aale, krokodilähnliche Saurier und riesige Super-Otter. Heuvelmans unterzog diese Augenzeugenberichten jedoch nie einer Quellenkritik (in diesem Fall vor allem wahrnehmungspsychologische und kulturgeschichtliche Hintergründe). Seine wissenschaftliche Leistung bestand aber darin, sämtlichen verfügbaren Berichte auf der ganzen Welt über „verborgene“ Tiere, also Fabelwesen, zu sammeln und zu kategorisieren. Sein öffentlich zugängliches Archiv im zoologischen Museum Lausanne umfasst 25‘000 Berichte, 1‘000 Bücher, 12‘000 Dias und 25‘000 Fotos.

Seeschlangen

Heuvelmans Seeschlangen: links von oben nach unter: Vielflosser, Vielhöcker und Super-Otter, rechts Langhals und das Meerpferd, das Michel Raynal zufolge identisch mit Caddy ist.

 

Aktuelle wissenschaftliche Erklärungsmodelle

Die Existenz von mythischen Seeschlangen wird von Skeptikern verneint. Die Augenzeugen beobachteten eher eine Gruppe von nacheinander schwimmenden Delphinen und missinterpretierten dies als ein Seeungeheuer. Andere Möglichkeiten sind die Sichtung treibende Baumstämme, Riesentang oder Spiegelungen.
Andere Forscher gehen eher davon aus, dass es sich hierbei um Sichtungen von Riemenfischen handelte. Diese  Tiefseefischart zeichnet sich durch einen bis zu 8 Meter langen bandförmigen Körper und farbige Schuppen aus. Auf dem Kopf trägt der Fisch einen leuchten roten Kamm. Die Tiere gelten als sehr fragil, weshalb nur gestrandete Kadaver untersucht werden können. 2011 gelang es dem Team von Mark Benfield (University Louisiana) erstmals mit Hilfe eines Tauchroboters einen Riemenfisch in der Tiefsee zu filmen.

Der erste lebende Riemenfisch auf Video: Originalaufnahme des Tauchroboters in der Tiefsee:



Zudem sind auch viele Tiere, aufgrund fehlender zoologischer Kenntnisse, als Seeschlangen gedeutet geworden, wie beispielsweise der Meeraal oder verschiedene Arten von Muränen.

Fazit

Seeschlangen galten in den antiken Seefahrerkulturen als ein Symbol für Tod und Zerstörung, welche mit dem unbekannten weiten Meer assoziiert wurde. Erste schriftliche Zeugnisse ausserhalb der Mythologie finden wir ab dem 16. Jahrhundert. Auffallend ist, dass bereits zu dieser Zeit bestimmte Seemonster, die mit einer bestimmten Lokalität verbunden waren, Eigennamen von der dort ansässigen Bevölkerung oder von Forscher bekamen. Der grosse Hype um Seeschlangen begann mit der immer schnelleren Verbreitung von Nachrichten durch die Massenmedien. Zeitungsberichte über angebliche Sichtungen von Seeschlangen trugen demnach viel zu ihrer Popularität bei und seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelten sie sich zu Touristenattraktionen. Darin besteh wahrscheinlich auch der Grund warum eine berühmte Seeschlange nie einen Menschen getötet hat. Auch Gelehrte wurden von dem Medienhype mitgezogen und erfanden teilweise munter Arten der Seeschlange und erhofften sich als der Entdecker des mythischen Seeungeheuer in die Geschichtsbücher einzugehen.Um die Existenz der Seeungeheuer gegenüber Skeptiker zu beweisen, wurden mitunter Fakten gefälscht, Legenden als authenische Berichte dargestellt, angebliche Augenzeugenberichte ohne Quellenkritik verwendet und, als physiologischer Beweis, angespülte von Auge nicht identifizierbare Kadaver als Seeschlange betrachtet. Selbst im 21. Jahrhundert sind die Seeschlangen noch nicht ausgestorben und faszinieren die Medien, insbesondere im berühmt-berüchtigen Sommerloch. Fakt ist, dass bis dato kein wissenschaftlicher Beweis für die mythischen Seeschlangen vorgelegt werden konnte. Fakt ist aber auch, dass der Mensch erst am Beginn der Erforschung der Tiefsee steht. Je nach Quelle sind zwischen 1% und 8% der Tiefsee überhaupt erforscht und dokumentiert. Nach der Entdeckung des Riemenfisches, wie auch des Riesenkalmars darf man gespannt sein, was sich noch alles dort unten tummelt. Vielleicht ja auch eine mythische Seeschlange…