Mythos Seeschlange Teil 2: Seeschlangen als Berühmtheiten

Sichtungen von Seeschlangen sind auch aus der neueren Zeit auf der ganzen Welt bekannt. Ihre Namen lauten Bessie, Chessi und Issie (Ähnlichkeiten zu Nessie sind selbstverständlich reine Zufälle) sowie Caddy, Champ, Lizzy, Selma, Igopogo usw. Übrigens werden nur nette, publicityträchtige Seeschlangen getauft. Die Bösen werden Monster von Irgendwas genannt. Alle Namen, sei es nun von den guten oder von den bösen Seeschlangen aufzuzählen, würde bereits den ganzen Artikel füllen.
Man möchte nun denken, dass Seeungeheuer ein Relikt von früheren Zeiten sind und mit dem Beginn des wissenschaftlichen Weltbildes ausstarben. Nur verfallen heute noch Meeresbiologen in heller Aufregung, wenn irgendwo mal wieder ein nichtidentifizierbares „Ding“, so genannte Globster, aus dem Meer in einem Fischernetz landet oder an den Strand gespült wird. Die heutigen Forschern haben aber eine Vorstellung von dem Aussehen eines modernen „Seemonsters“ und diese unterscheidet sich stark von den neuzeitlichen Illustrationen, deren Prämisse, frei nach dem römischen Gelehrten Plinius, war: „Alles was in irgendeinem Teil der Natur entsteht, so auch im Meer existiert“. Jedes Landtier hat also ein entsprechendes Pendant im Meer. So lässt sich auch kulturgeschichtlich erklären, warum sich auf den antiken Seekarten Seemonstern mit Löwengesichtern, Elefantenrüsseln oder, wie in Skandinavien, mit Elchköpfen tummeln. Die aktuellen und modernen Seemonster ähneln nun mehr realen Tieren, mit dem Unterschied, dass sie um einiges grösser sind, entweder weil sie aus der Urzeit stammen, radioaktiv verseucht wurden oder einfach noch auf ihre Entdeckung warten.
Im wissenschaftlichen Eifer „erfand“ auch so mancher Forscher einfach mal ein Seemonster. Vor allem im 19. Jahrhundert und lange bis ins 20. Jahrhundert hinein entstanden phasenweise von der Presse geförderten Hypes um Seeungeheuer.
Im zweiten Teil der Reihe „Mythos Seeschlange“ stelle ich euch zwei skurrile Fälle von Sichtungen und deren Folgen sowie die aktuellste Videoaufnahme einer „echten“ Seeschlange vor.

Das Monster von Gloucester

1817 sichteten in Gloucester (USA) gleich Hunderte von Menschen während wenigen Tagen eine Seeschlange in Küstennähe. In der Presse wurde das Tier als etwa 120 Fuss mit einem Pferdekopf und etwa 20 Buckeln beschrieben. Etwa einen Monat nach diesem Ereignis fanden spielende Kinder am Strand eine 1 Meter lange schwarze Schlange mit Buckeln. Wissenschaftler der bekannten Linné Gesellschaft bestimmten dies als ein Jungtier der zuvor gesichteten Seeschlange und nannten sie scoliophis atlanticus (Atlantische Buckelschlange). Ja, so schnell entdeckt bzw erfindet man eine neue Art und wird über Nacht berühmt – bis ein Spielverderber auf der Bühne erscheint. In diesem Fall hiess er Alexandre Lesueur und war Franzose. Er bestimmte das gefundene Exemplar korrekt als eine deformierte Schwarznatter. Jahrzehnte lang wurde das mythische Wesen aber noch gesichtet. Bis heute ist dieser Fall nicht geklärt.

Die neue Tierart "Atlantische Buckelschlange" - leider nur für kurze Zeit. Die Art gab es bereits und hiess unspektakulär "Schwarznatter"

Die neue Tierart „Atlantische Buckelschlange“ – leider nur für kurze Zeit. Die Art gab es bereits und hiess unspektakulär „Schwarznatter“.

 

Cadborosaurus, genannt Caddy

In British Columbia wurde „Caddy“ erstmals 1933 in der Cadboro Bucht gesichtet. Das Tier habe nach Augenzeugenberichte einen riesigen Kopf in der Form eines Kamels, eines Pferdes oder eines Hundes gehabt. Der Reporter Archie Wills von der Victoria Daily Times nannte das Tier: cadborosaurus. Eine Legende – und böse Zungen behaupten auch eine Geldquelle – war geboren. Ein Jahr später entdeckten Fischer in derselben Bucht sogar noch eine zweite Seeschlange, die etwa 18 Meter miss. 1937 erfolgte schliesslich der vermeintliche Beweis für alle Skeptiker: im Magen eines Pottwals fand man nämlich einen 3 Meter langen, seeschlangenähnlichen und gut erhaltenen Kadaver. Die Zeitung in Vancouver, die Province, vermutete, dass es sich wohl um eine Babyschlange von Caddy handelte und titelte: „16. Oktober 1937. Nicht ausgewachsenes „Caddy“ in Wal gefunden.“ Der Kadaver, wie auch eine Gewebeprobe davon, sind übrigens verschollen.

Der gefundene Kadaver eines vermeintliche Jungtieres von Caddy im Oktober 1937

Der gefundene Kadaver eines vermeintlichen Jungtieres von Caddy im Oktober 1937

 

Der gefundene Kadaver eines vermeintliche Jungtieres von Caddy im Oktober 1937

Caddy war eine Zeit lang der berühmteste Kanadier, wie solche Zeitungsausschnitte belegen.

Die Meeresbiologen Paul LeBlond und E.L. Bousfield, von der British Columbia University, veröffentlichten 1992 eine Studie, in der sie den Fund anno 1937 und die Augenzeugenberichten auswerteten. Sie kamen zum Ergebnis, dass es sich bei Caddy um eine reale Tierart handelt, die Reptilien- und Säugermerkmale besitzt. Demnach ist Caddy mit Bestimmtheit ein Wirbeltier. Beide Forscher waren der Überzeugung, dass es sich bei Caddy um einen Urwal handelt und beschrieben 1995 die Seeschlange, mal wieder, als neue Tierart mit dem Namen cadborosaurus willsi, nach Caddys „Agenten“ benannt. Wohlgemerkt: Nur aufgrund von drei Archivfotos des Kadavers! Aber auch hier gibt es einen Spielverderber der anderen Art. Der Kryptozoologe (Lehre von den verborgenen Tieren) Michel Raynal kritisierte ein Jahr später, dass es sich bei Caddy um das mythische Meerpferd handelt. Caddy ist also ein Pferd und keine Schlange. Vielleicht. Seit 1998 werden die Orte, welche die häufigsten Sichtungen verzeichneten, mit Kameras ausgestattet. Ein klarer Beweis für Caddy steht aktuell noch aus. Aber das interessiert die Tausenden von Touristen jährlich überhaupt nicht.

 

Der mir aktuellste bekannteste Fall einer Seeschlangensichtung ist die des Lagarfijotwurmes. Diese Seeschlange wurde erstmals 1354 in einem isländischen See gesichtet. 2012 wurde das Seeungeheuer erstmals gefilmt. 2014 anerkannte ein 13 köpfige Kommission dieses Video als echt, sprich als authentisch, an. Skeptiker verneinen dies natürlich. Auf dem Video sehe man einfach eine Maschine, welche Planen, Tüten oder Netze hinter sich herzieht. Die kleine Gemeinde sah, so die Meinung der Kritiker, in der Legende des Lagarfijotwurmes einfach nur eine Möglichkeit zum Geld verdienen. Hier könnt ihr euch selbst ein Bild machen:

Im dritten Teil der Reihe „Mythos Seeschlange“ erzähle ich von dreisten Betrügereien, wissenschaftlichen Erklärungsversuche, der Begründung der modernen Kryptozoologie und von einem real existierenden, aber wahrlich mythischem Wesen, das vielen Seeschlangenbeschreibungen nicht unähnlich ist.

Mythos Seeschlange Teil 1: Seeschlangen in der Antike und in der Neuzeit

Geschichten über mythischen Seeschlangen existieren bereits seit der Antike und selbst im 21. Jahrhundert werden hin und wieder solche Seeungeheuer gesichtet und dabei sogar gefilmt. In dieser Reihe zum Thema „Mythos Seeschlange“, zeige ich die bekanntesten Mythen in der Religion und Kultur der westlichen Welt, die bizarrsten Fälle von Sichtungen, sowie Deutungs- und Erklärungsansätze für dieses Phänomen auf.

Im ersten Teil beschreibe ich die bekanntesten Mythen aus dem Altertum sowie die ersten historisch dokumentierten Sichtungen von Seeschlangen.

Seeschlangen in der Mythologie der Antike

Aus der griechischen Mythologie ist die Darstellung von Vergil bekannt, in der er den Untergang Trojas beschrieb. Der Priester Laokoon warnte die Trojaner vor der List der Griechen (trojanisches Pferd). Kaum sprach er seine Warnung aus, wurden er und seine Söhne Opfer der von Athene gesandten Seeschlangen.

Siehe, da wälzt von Tenedos sich durch die ruhige Tiefe
– Schaudernd erzähl ich’s – ein Paar von Seeschlangen in furchtbaren Kreisen,
Über der Meerflut Rücken vereint hersteuernd zur Küste.
Hoch durch die Brandung erhebt sich die Brust, und die blutigen Mähnen
Ragen empor aus den Wogen, dahinter dann schleppt sich der andre
Teil durch das Meer, unermesslich den Leib in Windungen schlingend.
Rauschen ertönt aus der schäumenden Flut; schon sind sie am Lande,
Und mit brennenden Augen, von Blut und Feuer durchschossen,
Recken aus zischendem Schlund sie die leckenden, zitternden Zungen.
Bleich bei der Schau zerstäuben wir rings. Sie, sicheren Schwunges,
Greifen Laokoon an; und die schmächtigen Leiber der beiden
Söhnlein umringelt zuerst das Gewürm mit verschlungenem Knoten,
Und mit grimmigem Biss zernagt es die Glieder der Armen.
Drauf, da er selbst zum Beistand eilt mit erhobener Waffe,
Fassen sie ihn und schnüren ihn ein mit furchtbaren Schlingen.
Zweimal umwickeln den Leib, zweimal umringeln den Hals sie
Ihm mit dem Schuppengewind, und es bäumt sich ihr Nacken und Haupt hoch.
Jener bemüht sich der Knoten Gewirr mit den Händen zu trennen;
Geifer und schwärzliches Gift umströmt ihm die heiligen Binden;
Grässlich ertönt sein Jammergeschrei empor zu den Sternen,
Gleich dem Gebrülle des Stiers, wenn verwundet er von dem Altar flieht
Und von dem Nacken das Beil, das schwankend geführte, sich schüttelt.
(Vergil, Aeneis Buch 2, 200-225)

Nach der modernen Textinterpretation spiegeln die Schlangen nichts anderes als feindliche Schiffe wieder, jedoch kannte der antike Mensch Seeschlangen als reale Tiere in den Tiefen des Meeres.

 

Lakoon und seine Söhne, auch als Lakoon-Gruppe bekannt. Marmor, Nachbildung aus hellenistischem Original von 200 v.Chr., gefunden in den Trajan-Thermen in Rom im Jahr 1507

Lakoon und seine Söhne, auch als Lakoon-Gruppe bekannt. Marmor, Nachbildung aus hellenistischem Original von 200 v.Chr., gefunden in den Trajan-Thermen in Rom im Jahr 1507

Im Alten Testament wird die Seeschlange ebenfalls als bedrohlich und totbringend, als die Strafe Gottes, beschrieben.

„Da sagte der Herr zu mir: Mein Volk Israel ist reif für das Ende. Ich verschone es nicht noch einmal (…) Keiner von ihnen kann entfliehen, keiner entrinnt, keiner entkommt (…) Wenn sie sich vor mir auf dem Grund des Meeres verbergen, dann gebiete ich der Seeschlange, sie zu beissen.“ Amos Kap. 9

Die Bibel kennt aber vorwiegend Meeresungeheuer in der Gestalt von Drachen (Satan) darstellen.
In der nordischen Mythologie kennt man die Seeschlange Midgard. Sie ruht auf dem Meeresgrund und umspannt mit ihrem Körper die ganze Welt, so dass sie sich in den eigenen Schwanz beisst. Wenn sie Wasser schluckt, entsteht die Ebbe, speit sie das Wasser wieder aus, kommt die Flut. Thor tötet die Schlange mit seinem Hammer während der Götterdämmerung (Weltuntergangsvorstellung der nordischen Völker), wird aber durch das Gift der Schlange selber getötet.

Füssli, Johann Heinrich: Der Kampf des Thor mit der Schlange des Midgard 1788

Füssli, Johann Heinrich: Der Kampf des Thor mit der Schlange des Midgard 1788

 

Seeschlangen als real existierende Tiere in der Antike und der Neuzeit

In der Mythologie und Religion der Antike stehen die Seeschlangen für Tod und Zerstörung. Berichte über Seeschlangen finden sich aber ausserhalb der Mythologie, insbesondere bei seefahrenden Völker. So berichtete Aristoteles in seinem Werk über die Naturgeschichte der Tiere:

„In Libyen sind die Seeschlangen sehr gross. Seefahrer, die jene Küste entlang segelten, haben berichtet, dass sie die Knochen vieler Rinder sahen, die, wie ihnen schien, von den Schlangen gefressen worden waren. Als sie weitersegelten, griffen die Schlangen sie an; einige von ihnen warfen sich auf eine Trireme und brachten sie zum kentern.“ (Aristoteles Historia animalium, zitiert nach Gebhard 2005: 129)

Sichtungen von Seeschlangen waren demnach für die Menschen damals ein reales Erlebnis. Aristoteles selber unterteilte das Tierreich in verschiedene Kategorien. Eine davon war die der Seeungeheuer, zu der natürlich die Seeschlange zählte. Noch jahrhundertelang wird der Mensch an deren Existenz nicht zweifeln.

Im 16. Jahrhundert veröffentlichte der schwedische Bischof Olaus Magnus einige Schriften über Seeungeheuer, die lange Zeit als Standardliteratur zu diesem Thema galten. Seine Kenntnisse beruhen aber auf Berichte von Seefahrern. In seinem Werk erwähnt Magnus den Soe Orm, eine Seeschlange mit einer Körperlänge von 6,5 Meter, die zwischen Felsen und in Höhlen wohnt. Diese Seeschlange sei nachtaktiv und verschlinge ganze Kälber und suche im Meer nach Kraken. Andere Berichte von der angeblich selben Schlange geben an, sie sei sogar 100 Meter oder sogar 200 Meter lang gewesen. Magnus verfasste auch die neuzeitliche Beschreibung von Skandinavien und liess es sich nicht nehmen eine Karte zu malen, in der er in jedem freien Ecken ein Seeungeheuer zeichnete samt Begleittext. Seeungeheuer waren in der neuzeitlichen Kartographie sowieso en vogue.

Ausschnitt der "Carta Marina" von Olaus Magnus gezeichnet 1527-1539

Ausschnitt der „Carta Marina“ von Olaus Magnus gezeichnet 1527-1539

 

Eine Abbildung aus Loaus Magnus Buch über die Geschichte der nordischen Länder 1555

Eine Abbildung aus Olaus Magnus Buch über die Geschichte der nordischen Länder 1555

Sichtungen von Seeschlangen sind auch aus der neueren Zeit auf der ganzen Welt bekannt. Diese stelle ich in einem zweiten Teil vor zum Thema „Mythos Seeschlange“.

Weiterführende Literatur:

  • Gebhardt, Harald (2005): von Drachen, Yetis und Vampiren. Fabeltieren auf der Spur. München: BLV Buchverlag. S. 128 ff.
  • Van Duzer, Chet (2015): Seeungeheuer und Monsterfische. Sagenhafte Kreaturen auf alten Karten. Darmstadt: Philipp von Zabern.