Die Schlange als Mythos: Grundbegriffe I

In diesem Artikel werde ich die kulturgeschichtlichen Grundbegriffe des Mythos und der Mythologisierung erklären. In einem zweiten Teil zeige ich auf, wie aus einem realen Tier ein mythischen Wesen enstehen kann. Dieses Wissen bildet die Grundlage für das Verstehen der Bedeutung und Funktion der Schlange in den unterschiedlichen Kulturen und Religionen.

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Ihr lautlosen Schlängeln, ihr starrer Blick, ihre Häutung, kurz: ihre Andersartigkeit inspirierten die Geschichtenerzähler aller Kulturen in der Vergangenheit und prägen das Schlangenbild bis heute.

Die Schlange ist in jeder Kultur und in jeder Religion ein mythisches Wesen. Ihr werden bestimmte Eigenschaften zugeteilt, die zu einer negativen oder positiven Wahrnehmung des Tieres führen. Was ist aber ein Mythos und was ist an einer Schlange mythisch?

Definition Mythos

Ein Mythos ist in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Erzählung, mit der Menschen und Kulturen ihr Welt- und Selbstverständnis zum Ausdruck bringen. Der Mythos kennt keinen Unterschied zwischen verschiedenen Realitätsstufen, zieht keine Grenzen zwischen wünschenswerter und wirklicher Wahrnehmung und kennt keine Trennung von Tod und Leben. Er betrachtet Gleichzeitigkeit oder räumliche Begleitung als Ursache von Ereignissen. Alle und alles in einem Mythos hat einen Charakter. Hier liegt auch die primäre Funktion des Mythos: Das Unvertraute vertraut machen, das Unerklärliche zu erklären und das Unbenennbare zu benennen. Die Schlange war bzw ist für viele Menschen ein unbekanntes Wesen. Unbekanntes verursacht bei Menschen Angst. Sobald aber das Unbekannte bekannt wird, verschwindet auch die Angst.
Daher versucht der Mythos stets eine Begebenheit zu erklären, um ihr damit einen Sinn zu geben. Er stellt quasi eine praktische Anleitung dar, wie die Sicht auf die Welt erlangt werden kann. Die zentralen Themen des Mythos sind dabei die Erschaffung der Welt und das Leben nach dem Tod.
Der Mythos ist also eine Erkenntnisform. Mythen sind in allen früheren Kulturen eine gemeinsame Form der Weltdeutung- und Verstehens. Mythen erklären den Ursprung, die Beschaffenheit, die Ordnung und das Ende der Welt.

Aus philosophischer Sicht, die der kulturgeschichtlichen Deutung zugrunde liegt, ist der Mythos der Anfang des westlichen Denkens, der sich zum Logos (Vernunft) weiterentwickelt. Konkret ist hier die Entfaltung der griechischen Phiosophie gemeint, welche die griechische Mythologie und ihre Welterklärungsansätze durch ein mathemtisch-naturwissenschaftliches Bild ablöst.

Nach dem Philosophen Ernst Cassirer (1874-1945) ist der Mythos das Ursprungsphänomen aller menschlichen Kultur. In ihm wird das erste Mal durch Formgebung und Verfestigung das Flüchtige des Erlebens festgehalten. Die Welt wird als grosses Drama entgegenstreitenden Mächten wahrgenommen.

Nach Ansicht des deutschen Philophen Hans Blumenberg (1920-1996) besteht die Funktion des Mythos darin, das Nichtmenschliche zu vermenschlichen (Bsp. Naturgottheiten) damit eine Bindung zum „Grossen Ganzen“ und somit auch ein Sinn des lebens entstehen kann. Dies gescheht dadurch, dass das Unvertraute durch einen Namen identifiziert werden kann und durch das Erzählen von Geschichten erklärt wird, was es mit ihm auf sich hat.

Mythologisierung oder wie ein Mythos entsteht

Mythen fallen nicht vom Himmel. Sie werden von Menschen für Menschen erzählt. Deshalb überträgt ein Mythos Beobachtungen, Annahmen, Ängste und Hoffnungen von Menschen auf ein mythisches System. Dies geschah auch mit der Schlange. Was die Menschen von ihr wussten bzw erahnten und befürchteten und was als Eigenheiten wahrgenommen wurden, wie beispielsweise das Häuten, verdichteten sich zum mythischen Wesen Schlange. Viele biologische Eigenschaften des Tieres wurden als Manifestationen des Göttlichen gesehen. Beispiel hierfür ist das sichtbare Fehlen von primären oder sekundären Geschlechtsmerkmalen. Daher galten Schlangen als zweigeschlechtlich und repräsentierten die aus sich selbst heraus geschaffenen Götter.

Im anschliessenden Einführungsteil in die Welt der Mythen zeige diesen Vorgang der Mythologisierung konkret auf.

Literatur:
Blumenberg, Hans (1979): Arbeit am Mythos. frankfurt an Main: Suhrkamp.
Cassirer, Ernst (2010): Philosophie der symbolischen Formen. Zweiter Teil: Das mythische Denken. Hamburg: Meiner.

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