Die urzeitliche Landschlange Najash rionegrina

2003 stiessen die beiden Paläontologen Sebastian Apesteguia und Hussam Zaher von der Universität Sao Paolo, Brasilien in Argentinien auf einen überraschenden Fund: Sie entdeckten die fossilen Überreste einer Landschlange mit zwei Beinen. Das Tier stammt aus der jüngsten Kreide-Epoche (vor 65 bis 100 Millionen Jahren) und lebte in der Region Patagonien. Der genaue Fundort war die Candeleros Formation in der Rio Negro Provinz, Argentinien. Dieser Ort ist bekannt für seine fossile Vielfalt. So wurden dort schon fossile Frösche, Schildkröten, Krokodile aber auch Säugetiere geborgen. Einer der bekanntesten Funde aus dieser Gegend war 1993 das komplette Skelett eines Giganotosaurus, einer der grössten landlebenden Fleischfresser.

Der Fund

Die Forscher nannten die entdeckte Landschlange Najash rionegrina. Najash ist die hebräische Bezeichnung für die biblische Schlange vor dem Sündenfall, also als sie noch Beine besass, rionegrina steht für die Region des Fundes: die Provinz Rio Negro.
Die ersten Ergebnisse zu ihrem Fund veröffentlichten die beiden 2006 in der Fachzeitschrift nature unter dem Titel: „A Cretaceous terrestrial snake with robust hindlimbs and a sacrum“.

Die Grösse des Tieres lässt sich anhand des Fundes nicht ablesen. Die Schlange besitzt aber ein Kreuzbein, welches das Becken stützt. Zudem verfügte sie über funktionstüchtige Beine ausserhalb des Brustkorbes. Die Hinterbeine benutzte die Najash rionegrina wahrscheinlich eher wenig und bewegte sich wie die heutigen Schlangen fort. Ihre Anatomie lässt darauf schliessen, dass die Schlange ganz klar an Land lebte und wahrscheinlich in Erdlöchern hauste. Hinzu kommt, dass die geologischen Ablagerungen, in denen die Überreste gefunden wurden, aus einer Bodensubstanz bestehen und nicht aus einer Sedimentablagerung, die sich typischerweise nur unter Wasser bildet.
Die These liegt nahe, dass wenn diese Urschlange an Land lebte, sich die Schlangen auch an Land entwickelten. Nach wie vor geht die Forschung davon aus, dass sich Schlangen aus vierbeinigen Eidechsen entwickelten, bei denen sich die Beine im Laufe der Evolution zurückbildeten.

https://www.newscientist.com/article/dn9020-oldest-snake-fossil-shows-a-bit-of-leg/ A legged snake fossil found in 2003 in Patagonia, Argentina, may be the most primitive snake ever found – the sacral region is shown here

Kreuzbein des gefundenen Fossils der Najash. ©newscientist.com

 

Wasser- oder Landursprung?

Bislang war sich die Fachwelt aber nicht einig, ob diese Entwicklung im Wasser oder an Land stattfand. Die „Evolution im Wasser“ Theorie war vor allem im 20. Jahrhundert sehr populär und wurde durch zahlreiche Funde „beiniger“ Schlangenfossilien in maritimen Ablagerungen um Israel herum gestützt. Es wird vermutet, dass die Schlange ihre Gliedmassen im Wasser verlor und von der urzeitlichen martimen Eidechse namens Mosasaurus abstammt. Mit dem Fund der Najash kann, so zumindest Hussam Zaher zufolge, diese These des Meeresursprungs abgelehnt werden. Die Landschlange legt nahe, dass eine Verwandtschaft zum Mosasaurus doch nicht so eng ist, bis anhin vermutet. Die „beinigen“ Meeresschlangen aus Israel sind jünger, als die gefundene Landschlange und repräsentieren wahrscheinlich die erste Invasion der Schlangen in die Meere.

 

Mosasaurus („Echse von der Maas“) ist eine Gattung der Mosasaurier (Mosasauridae), einer ausgestorbenen Familie großer Meeresreptilien aus der Zeit der Oberkreide. Die Gattung war namensgebend für die Mosasauridae, Schuppenkriechtiere, die hochgradig an eine aquatische Lebensweise angepasst waren. William Daniel Conybeare veröffentlichte 1822 die Erstbeschreibung der Gattung.[1] Mosasaurus war einer der letzten, am weitesten entwickelten und größten Mosasaurier. Lebendrekonstruktion von M. hoffmannii Das erste Fossil, der Schädel des Holotypus (NMHN AC. 9648), wurde etwa 1770 von niederländischen Bergleuten in der Nähe von Maastricht gefunden. Nach dem Einmarsch französischer Truppen wurde der Schädel 1794 als Kriegsbeute nach Paris gebracht. Dort fand eine erste Untersuchung durch den französischen Naturforscher Georges Cuvier statt. Die größte Art der Gattung, M. hoffmannii, erreichte wahrscheinlich knapp 18 Meter Gesamtlänge. Sie ist auch die Typusart. Gideon Mantell benannte 1829 die Art nach dem vermeintlich an der Bergung des Schädels beteiligten Militärchirurgen Johann Leonard Hoffmann.[2] Mosasaurus war das erste Reptil, bei dem anerkannt wurde, dass es eine nicht mehr existierende Art aus einer Vorwelt war. Zuvor hielt man Fossilien für Überreste rezenter (oder vielmehr unveränderlicher) Arten.

Ein möglicher Vorfahre der modernen Schlange: Die Art Mosasaurus hoffmannii (hier im Bild ein rekonstruiertes Skelett) war mit seinen 18 Meter wahrscheinlich eines der grössten Exemplare der Gattung Mosasaurus. Die Gattung war auch namensgebend für die Familie der Mosasauridae (Schuppenkriechtiere), die perfekt an das Leben unter Wasser angepasst waren. Die grossen Meeresreptilien stammen aus der Zeit der Oberkreide (vor 83-66 Millionen).

In die gleiche Richtung führen auch die Forschungen des Evolutionsbiologen Blair Hedges von der Pennsylvania State University. Seinen Studien zur DNA Sequenzierung der Fossilien legen einen terrestrischen Ursprung der Schlange ebenfalls nahe. Evolutionsgeschichtlich ist es schwierig Beispiele für einen Gliederverlust in einer wasserreichen Umgebung zu finden. Es sind eher Fälle bekannt, bei denen Tiere an Land gingen und Abstammungslinien entwickelten, die dann wieder ins Meer zurückdrangen. Fast alle von ihnen haben ihre Glieder behalten und formten sie zu Flossen oder Paddeln um.

Bedeutung für die Forschung

Bis zu diesem Fund befand sich die Paläontologie in einer Sackgasse betreffend der Evolution der Schlange, da es keine neue Erkenntnisse mehr gab. Daher stellt dieser Fund eine Art Neustart in der Erforschung der Schlange dar. Die Najash rionegrina ist ein Bindeglied zwischen der vierbeinigen Eidechse und der heutigen Schlangen und füllt somit eine Lücke in der phylogenetischen (stammesgeschichtlichen) Entwicklung des Tieres.
Dieser Fund erschwert aber auch die Arbeit der Fossilienforscher. Fossilien halten sich allgemein besser im Wasser als an Land. Deshalb dürfte es sehr schwierig werden weitere Überreste prähistorischer Landschlangen zu finden.
Trotz des Fundes sind noch viele Fragen offen. So weiss man nicht, welche Gruppe der Eidechsen am ehesten mit den Schlangen verwandt ist. Auch reicht ein einziger Fund nicht aus, die „Wasser Hypothese“ vollends zu widerlegen.
Sebastian Apesteguia und Hussam Zaher Fund der Najash rionegrina wird von der Fachwelt anerkannt und gilt als Holotyp (das vom Autor bei der Beschreibung einer neuen Art festgelegte typische Individuum) einer neuen Spezies.

http://www.newtonsapple.org.uk/evolution-from-lizards-to-snakes/

Ein perfektes Bindeglied zwischen Echse und Schlange: So in etwa könnte die Najash rionegrina ausgesehen haben. ©newtonsapple.org.uk

 

Eine Zusammenfassung des Papers findet ihr hier.

2014 fanden Paläontologen vier neue Arten von Landschlangen, die deutlich älter sind als die Najash rionegrina. Gleichwohl bedeutet ihre Entdeckung einen dringend benötigenden neuen Aufwind in der paläontolgschen Erforschung der Schlange.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.