Die vierbeinige Schlange

Die Stammesgeschichte der Schlange ist nach wie vor nicht vollständig geklärt. Entdeckungen von fossilen Schlangen mit zwei Beinen lassen vermuten, dass sie von Eidechsen abstammen. Bisher wurde aber keine urzeitliche Schlange aus diesem Übergang, also mit vier Beinen, entdeckt.
Ein beliebtes Szenario ist, dass sich der Schlangenkörper im Meer entwickelte. Andere Forscher sind der Meinung der Schlangenkörper entwickelte sich an Lande in Folge einer fossorialen Lebensweise (Leben unter der Erde, Wohnhöhlen graben). Darauf deuten die kurzen neuralen Stacheln (Dornfortsatz) auf der Wirbelsäule hin, die wir auch von anderen Urzeittieren kennen.

Tetrapodophis Credit: Julius Cstonyi

So könnte die vierbeinige Schlange ausgesehen haben: wissenschaftliche Zeichnung, basierend auf den Forschungsergebnissen von Martill. Die Schuppenzeichnung orientiert sich an den modernen Schlangen ©nationalgeographic.com

 

Exponat „Unbekanntes Fossil“

2015 entdeckte der britische Forscher David Martill von der Universität Portsmouth die vierbeinige Schlange und zwar in einen Museum. Ja, richtig in einem bayerischen Museum lagerte eine paläontologische Sensation, die der Brite per Zufall auf einer Studienreise entdeckte. Um die Ehre des Museums zu retten, muss gesagt werden, dass in den Archiven der Museen weltweit noch unbekannte Schätze lagern, da einfach das Geld für das Personal fehlt.
Studenten organsierten 2015 eine Ausstellung und präsentierten unter anderen diesen Fund. Was Martill sofort auffiel, war das ungewöhnliche Gestein, welches aus der Crato Fromation in Brasilien stammt. Diese Formation streckt sich bis in die frühe Kreidezeit aus. Schlangenfossilien aus dieser frühen Zeit fand man bisher nicht in Südamerika. Die Kombination von Ort und Zeit war also sehr ungewöhnlich. Und dann erblickte er, nach eigenen Aussagen, zuerst die Hinterbeinchen bei dem knapp 15 cm grossen Wesen und beim genaueren Anschauen entdeckte er sogar noch Vorderbeinchen. Ein Brite war in Bayern nun völlig aus dem Häuschen.
Angeschrieben war das Exponat mit „Unbekanntes Fossil“. David Martill machte an jenem Tag seine once-in-a-lifetime Entdeckung.

Tetrapodophis specimen. Credit: Dave Martill.

Das unbekannte Exponat: Die etwa 15 cm lange vierbeinige Schlange

 

htt©©p://phenomena.nationalgeographic.com/2015/07/23/a-fossil-snake-with-four-legs/

Nahaufnahme der Hinterbeinchen ©nationalgeographic.com

Dieses Exponat der Schlange ist der Archaeopteryx der Schlangen/ Eidechsen Welt. Der Archaeopteryx ist ein Urzeittier, das Merkmale von Dinosaurier, als auch von Vögel hat und damit den Übergang von den Dinosaurier zu den Vögel markiert. In der gleichen Weise zeigt die neue Schlange Hinweise auf, wie sie sich aus der vierbeinigen Eidechse entwickelte.
Zurück zum Fossil: Die Vierbeinschlange, genannt Tetrapodophis amplectus, wurde vor Jahrzehnten in Brasilien entdeckt und ist ca 100 Millionen Jahre alt. Martill zufolge ist dieser Fund der Beweis, dass die Vorfahren der heutigen Schlangen vom Land kamen.
Die Schlange sei genauso beweglich gewesen, wie wir dies von den heutigen Schlangen kennen. Die Physiognomie zeigt Ähnlichkeiten zu den modernen Schlangen auf: eine kurze Schnauze, ein länglicher Körper, einen kurzen Schwanz, eine flexible Wirbelsäule, Fangzähnen und einen sehr beweglichen Kiefer. Durch diese Anatomie liegt nahe, dass die Schlange sich durch die Erde gräbt (fossoriale Lebensweise) und daher nicht maritimen Ursprungs sein kann. Zudem fehlen ihr typische Wasser Adaptionen, wie beispielsweise ein länglicher seitlicher Schwanz (Flosse). Deswegen unterstützt die Vierbeinschlange die Hypothese des Landursprungs der heutigen Schlangen.

 

Ernährung der Schlange

Der Fund gibt auch Auskunft über die Fressgewohnheiten der urzeitlichen Schlangen. Tetrapodophis hat die Anpassungen eines Fleischfressers (Karnivoren): Fangzähne und eine flexible Wirbelsäule, die das würgen der Beutetiere erlaubt. In ihrem Darm fand man zudem Überreste von Wirbeltieren, wahrscheinlich von Fröschen. Schlangen haben demnach den Übergang vom Insekten- zum Fleischfresser in ihrer Evolution relativ früh vollzogen. Die Schleichartigen waren noch Insektenfresser.

Es liegt auch nahe, durch andere Funde gestützt, dass sich die Landschlange auf dem Urkontinent Gondwana ( heutiges Südamerika, Afrika, Antarktika, Australien, Arabien, Madagaskar, Neuguinea und Indien) entwickelte und sich von dort aus während der Kreidezeit nach Laurasia (heutiges Europa und Asien) ausbreitete.

Doch eine Frage bleibt noch: welche Funktion hatten die Schlangenbeine? Das weiss man nicht. Vielleicht kletterten sie damit die Bäume hinauf, hielten die Beute fest oder klammerten sich an einen Paarungspartner. Nur eines ist gewiss: Mit ihren Beinen spazierte die Schlange nicht durch den Urwald – oder durch das Paradies.

Literatur: Martill, David; Tischlinger, Helmut (2015): A four-legged snake from Early Cretaceous of Gondwana.

 

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